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Bild von Demo: Frankfurt, Antikriegstag 2012

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Dichtung und Wahrheit: Nicht alles was über Syrien berichtet wird hält einer Prüfung stand.

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Stationen eines Aufstands: Vom ländlichen Aufstand in Daraa zum Angriff der NATO-Söldner.



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Krieg um Syrien Poster zur Entwicklung in Syrien
In einer kurzen Broschüre (hier als pdf und hier als epub) stellen wir die wichtigsten Entwicklungen und Wendepunkte in der Entwicklung Syriens seit 2001 dar. Und hier im Überblick als Poster

Ein Video , das die Situation aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet. Eine Diskussion, die auf jeden Fall ausgeweitet werden sollte.

Video:Hände weg von Syrien: Demonstration in Frankfurt, 01.09.2012

Ein Video von unserem letzten Aufenthalt in Syrien - im April 2012. Es gibt auch einen ganz normalen Alltag.

Eine Schweizerin besucht Freunde in Syrien. Sie war dort für 3 Wochen im Oktober 2011 reiste durch das Land und berichtet über ihre Erfahrungen.



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Im freien Falll, 07.08.2014

Irak - im freien FallNoch vor einigen Wochen konnte man erwarten, der Irak würde womöglich dreigeteilt in einen schiitischen Süden, einen dschihadistischen "Islamischen Staat" in den sunnitischen Gebieten und einen kurdischen Staat im Norden. Heute sind selbst die kurdischen Autonomiegebiete bedroht von den Angriffen des IS (früher: Islamischer Staat in Irak und Syrien – ISIS).

Der IS ist nicht plötzlich aus dem nichts aufgetaucht – und er ist auch nicht aus dem "syrischen Bürgerkrieg" gekommen. Seine Anfänge gehen bis auf die Zeit nach der Besetzung des Irak durch die USA zurück.

Falludscha, Irak

Es war der Angriff der USA auf den Irak 2003 und vor allem die Auflösung der Armee und staatlicher Strukturen, die die Grundlagen schufen, auf denen islamistische bewaffnete Gruppen im Irak entstehen konnten.

Die Provinz Anbar war ein Zentrum des Widerstands gegen die amerikanische Besatzung. Ursprünglich wurde dieser Widerstand von denen getragen, die durch einen Federstrich der amerikanischen Besatzung um ihr Einkommen und ihre Stellung gebracht worden waren (Auflösung der Irakischen Armee, Entlassung von Staatsangestellten, die der Baath-Partei angehört hatten). Heftige Kämpfe tobten zwischen der US-Armee und den Aufständischen. Ein Höhepunkt dieser Kämpfe war die Belagerung und Eroberung Falludschas im Herbst 2004.

Falludscha hatte sich nach der Besetzung des Irak zu einem Refugium für Rebellen und Islamisten entwickelt. Anfang 2004 bekannte sich die Bewegung Al-Tawhid wal-Jihad "Einigkeit und Heiliger Krieg" von Abu Musab az-Zarqawi erstmals öffentlich zu Anschlägen in der Stadt.

Vier Blackwater-Söldner wurden im März 2004 in Falludscha getötet und an einer Brücke öffentlich aufgehängt. Großer Protest und Abscheu der US-Amerikanischen und globalen veröffentlichten Meinung verlangte, die Schuldigen zu bestrafen. Ein erster Schritt hierzu erfolgte mit der Eroberung der Stadt im November 2004.

Unter dem Einfluss von Dschihadisten entwickelte sich der Widerstand gegen die Besatzung zunehmend zu einem sektiererischen Krieg. Neben dem Angriff auf schiitische Pilger 2004 wurde dieser Krieg durch den Anschlag auf eine der wichtigsten Moscheen des schiitischen Islam im Februar 2006 ausgeweitet.

Ein gemeinsamer Bericht aller US-Geheimdienste beschäftigte sich mit den Auswirkungen des Irakkrieges auf den islamischen Radikalismus und kam 2006 zu folgendem Schluss: "Die amerikanische Invasion und Besetzung des Irak haben dazu beigetragen, eine neue Generation des islamischen Radikalismus zu verbreiten..." Und in seltenem Weitblick heißt es: "Es besteht die Möglichkeit, dass islamistische Militante, die im Irak gekämpft haben, in ihre Heimatländer zurückkehren und dort Konflikte ausweiten könnten... Der Irak war die vorrangige Ausbildungsstätte für die nächste Generation von Terroristen"

Mit der Erhöhung der US-Truppenstärke und mit Hilfe von sunnitischen Stämmen ("Anbar-Rettungsfront“) kam es zu einer Veränderung des Kräfteverhältnisses. Die Sicherheitslage verschlechterte sich nicht weiter, es schien eine stabilere Regierung zu entstehen und viele der "Terroristen der nächsten Generation" zogen sich in Gebiete zwischen dem Irak und Syrien zurück, die nicht völlig unter dem Einfluss staatlichen Strukturen standen (z.B. ins Euphrattal)

Al-Raqqa, Syrien

2011 wurde Syrien in seinen Grundfesten erschüttert. Demonstrationen gegen die Regierung mischten sich schon frühzeitig mit bewaffneten Auseinandersetzungen. Nicht nur auf Seiten der Demonstranten gab es Tote – Hunderte Sicherheitskräfte wurden bis zum Sommer 2011 getötet. Insbesondere in der Region Deir ez-Zor, tauchten ausländische bewaffnete Kämpfer auf. Es waren in vielen Fällen Libyer aus den Milizen, die gegen die libysche Regierung gekämpft hatten; die arabische Presse berichtete ausführlich und sehr detailliert darüber.

Diese Kämpfer verbündeten sich mit den Kräften, die zuvor eine Niederlage im Irak erlitten hatten. Waffen, Geld und Unterstützung aus dem Ausland flossen in breiten Strömen zu ihrer Unterstützung. Während die Linke im Westen noch vom arabischen Frühling träumte, wurden hier die ersten Schritte zum Aufbau einer schlagkräftigen islamistischen Armee getan, bewaffnete Gruppen der unterschiedlichsten islamistischen Couleur entstanden.

Vor allem ISIS ("Islamischer Staat in Irak und Syrien", heute nur noch "IS") hatte sich als besonders erfolgreich erwiesen. Mit der Eroberung von Al-Raqqa – wie Deir ez-Zor im Tal des Euphrat gelegen - ab März 2013 durch Gruppen der Nusra-Front und ISIS wurde die Basis geschaffen, von der aus ISIS später den Feldzug im Irak führte.

Mosul, Irak

Die scheinbare Stabilität des Irak unter dem Ministerpräsidenten Al-Maliki wurde in den letzten Monaten immer mehr in Frage gestellt. Unzählige Selbstmordanschläge und Kämpfe in der Provinz Anbar ließen die Zahl der Todesopfer immer weiter ansteigen (ca. 1000 Tote jeden Monat; während des Wahlkamps deutlich mehr). Anfang Juni startete ISIS eine Offensive, in der schnell Mosul und große Gebiete in den sunnitischen Teilen des Irak erobert wurden. Zivilisten und Armee-Einheiten flohen. Der schnelle Vormarsch von ISIS wäre nicht denkbar gewesen ohne die Unterstützung durch Teile der Armeeführung und der Bevölkerung.

Ausgegrenzt und unterdrückt durch die Regierung Maliki in Bagdad begrüßten viele irakische Sunniten den Vormarsch des ISIS – und gleichzeitig flohen Hunderttausende andere. Durch die Unterstützung von Teilen der Bevölkerung ist IS mittlerweile stark genug, selbst die kurdischen Autonomiegebiete im Irak erfolgreich angreifen zu können. So erfolgreich, dass die US-Regierung ihre kurdischen Verbündeten im Irak mit Luftangriffen unterstützen muss.

Dilemma

Die Unterstützung von Teilen der Bevölkerung des Irak für IS hat nicht so sehr religiöse Ursachen und es ist auch nicht nur Ausdruck des Widerstands gegen die repressive Politik der Regierung. Vielmehr hat sie kulturelle und soziale Hintergründe.

Das Aufbrechen von konservativen (dörflichen) Strukturen in einem globalisierten und medial vernetzten Umfeld zerstört die alte Ordnung, hat aber noch keine neue geschaffen. Die Zerstörung des irakischen (und des libyschen) Staates durch die Kriege 2003 und 2011 verschärft diese Probleme. Und als wäre das nicht genug, kommt Arbeitslosigkeit und Perspektivlosigkeit hinzu. Dies schafft das Reservoir, aus dem IS schöpfen kann: "junge Männer aus Syrien und Irak, denen IS Waffen, Kleidung, Essen und Geld gibt. Mit einer effektiven Medienarbeit, die in vielen Sprachen die 'sozialen Medien' aktuell bedient und mit direkten Kontakten zu den großen Nachrichtenagenturen… Kern von IS sind Personen, die als Al-Qaida in Afghanistan und später im Irak gekämpft haben ", wie Karin Leukefeld in der jungen Welt schreibt. Und IS bietet nicht nur Kleidung, Geld und Waffen, sondern auch eine Ideologie: Die Vorstellung eines 'reinen' Staates nach den 'wirklichen' Regeln des Koran – und ohne Vetternwirtschaft, Ungerechtigkeit und Korruption.

Hinter den perspektivlosen jungen Männern, die eine bessere Zukunft erhoffen und den Al-Quaida Kämpfern aus Afghanistan stehen die staatlichen und privaten Sponsoren, die ihre eigenen Interessen verfolgen und es schaffen, jede fortschrittliche Lösung der gesellschaftlichen und sozialen Probleme zu verhindern. Not und Perspektivlosigkeit nutzen sie noch dazu aus, ihre eigenen politischen und wirtschaftlichen Ziele zu erreichen.

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Es gibt in den arabischen Ländern zur Zeit keine Kraft, die eine fortschrittliche Antwort auf die gesellschaftlichen Probleme formulieren oder gar umsetzen könnte. Die Ansätze, die es im "Arabischen Frühling" gab, sind schon lange in religiösem Fanatismus untergegangen.

Fortbestand der staatlichen Strukturen, die Ablehnung jeglichen religiösen Fanatismus als gesellschaftlicher Konsens, politische Reformen, Prozesse der Versöhnung und relative Stabilität unter schwierigsten Bedingungen – das zeichnet Syrien im Einflussbereich der Regierung aus. Dies gilt es nicht nur gegen die Angriffe der Islamisten vom IS zu verteidigen, sondern auch auszubauen. Ein erster Schritt ist die Forderung nach einem Ende der wirtschaftlichen und politischen Sanktionen.