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Pünktlich zu Genf 2: Neues Massaker der syrischen Regierung,21.01.2014

Genf 2 Pünktlich zur Konferenz in Genf wird erneut über ein Massaker der syrischen Regierung berichtet: 11.000 oder mehr Gefangene wurden in den letzten 3 Jahren von den syrischen Sicherheitskräften bestialisch gefoltert und ermordet. Eine Quelle namens Caesar berichtet nicht nur darüber, sondern hat auch dokumentarischen Beweis in Form von mehr als 20.000 Fotos, insgesamt gibt es wohl 55.000 Fotos. Erfahrene Wissenschaftler kommen anhand dieser Beweise zu dem Schluss, dass die Aussage der Quelle und die Fotos ausreichen um weitere juristische Maßnahmen – gegen die syrische Regierung natürlich - in die Wege zu leiten.

Curveball

Hört man heute von einer Quelle namens Caesar, die Beweise für Kriegsverbrechen liefert, ist sogleich die Erinnerung an eine ähnliche Quelle präsent: Curveball, die Quelle, die vor dem Irakkrieg "unwiderlegbare Beweise" für die Existenz der irakischen Massenvernichtungswaffen lieferte.

Die Massenvernichtungswaffen der Quelle Curveball existierten nicht – Anlass genug, einen kritischen Blick auf den Bericht der Quelle Caesar zu werfen.

Akribische Belanglosigkeiten

Das erste, was auffällt: Dinge, die völlig belanglos sind, werden kritisch aufgelistet. Andere - wichtigere – werden stillschweigend übergangen.

So heißt es in dem Bericht: "35 Bilder wurden auf einen 'Sicheren Server' hochgeladen, um zu prüfen, ob die Bilder digital verändert wurden… Und genau 26.948 Bilder lagen in mehreren Ordnern auf dem Computer, auf dem die Bilder untersucht wurden. Da die Quelle Caesar von den Vorgängen tief betroffen war, sandte er Kopien der Bilder an einen vertrauten Kontakt und zwar per Memory Stick… Dieser Kontakt war mit Caesar verschwägert und verließ Syrien 5 Tage nachdem der Bürgerkrieg gegen das syrische Regime begonnen hatte."

Wir wissen also, dass die 26.948 Bilder in verschiedenen Ordnern auf einem Computer lagen, um dort untersucht zu werden. Wir wissen aber z.B. nicht, wann sie geliefert wurden, wie oft und auf welchem Weg. Etwa per Post?

Wir wissen auch noch nicht, wann der Kontakt Syrien verlassen hatte. Die Zeitangabe "5 Tage nachdem der Bürgerkrieg gegen das aktuelle Regime begonnen hat" ist ja keine Zeitangabe – auf welchen Termin sollte man den "Beginn des Bürgerkriegs" wohl terminieren. Aus dem Zusammenhang ergibt sich aber, dass der Kontakt das Land unmittelbar nach dem Beginn dessen verließ, was man im Westen damals als "friedliche Revolution" bezeichnete. Der Kontakt wollte offenbar an der friedlichen Revolution nicht teilhaben, sondern arbeitete vom Ausland aus und zusammen mit nicht näher spezifizierten internationalen Menschenrechtsgruppen an der Destabilisierung "des Systems".

Lange suchte der Kontakt und seine Unterstützer nach einer Quelle im Regime, bis sie im September 2011 Kontakt mit dem Schwager (Caesar) aufnahmen. Nachdem Caesar im Laufe der Zeit mehrere Zehntausend Bilder geliefert hatte, fürchtete er um seine Sicherheit und verließ Syrien, seine Familie folgte ihm. Wer er ist, wird allerdings nach wie vor nicht offengelegt – obwohl Caesar und Familie bereits im Ausland sind. Und noch nicht einmal der Kontakt wird namentlich identifiziert, es heißt er sei ein Mitglied des Syrian National Movement, einer islamistischen Gruppe, die von Qatar unterstütz wird und deren Führer eben im März 2011 das Land verließen.

Ergebnis vor Untersuchung

Wir wissen noch nicht, wer Ceasar ist, aber wir wissen bereits, von wem die Menschen auf diesen Bildern getötet wurden. Von Agenten der syrischen Regierung. Und das allerdings ist ein Fauxpas.
Der Auftrag des Untersuchungsteams war, die Glaubwürdigkeit der Quelle zu überprüfen. Und schon auf Seite 6 des Berichts heißt es: "Das Untersuchungsteam wusste vor seinem Eintreffen im Nahen Osten, dass es 55.000 Bilder von ca. 11.000 Verhafteten gab, die von Agenten des syrischen Regimes getötet worden waren." Ein forensisches Team, dem vor Arbeitsbeginn bereits mitgeteilt wird, was das Ergebnis ist?

Warum wurden die Bilder aufgenommen

Der Bericht ist hierzu recht unscharf, nennt als Grund "um einen Totenschein ausstellen zu können, ohne dass die Familie den Leichnam zu sehen bekommen muss". Doch möchte man annehmen, eine solche "brutale Diktatur" könnte einen Totenschein auch ohne fotografische Dokumentation ausstellen.

Ein weiterer Grund wird genannt: "Es sollte dokumentiert werden, dass niemand durch die Sicherheitsbehörden freigelassen worden war, sondern dass alle angeordneten Tötungen auch durchgeführt worden waren."

Auch hier möchte man annehmen, dass dies in einer "brutalen Diktatur" per Vollzugsmeldung geschieht und nicht eigens fotografisch nachgewiesen werden muss.

Auswahl der Bilder

Von den insgesamt offenbar existierenden 55.000 Bildern wurden nur 5.500 untersucht und diese Bilder zeigten ca. 1.300 Leichname. Wie wurden die Bilder ausgewählt? Hierüber schweigt sich der Bericht aus. Wiederum wurden von diesen 5.500 Bildern nur 3.500, die 850 Leichname zeigen, näher untersucht.

Und erst jetzt wurde eine Stichprobe gezogen!

Eine wissenschaftliche Untersuchung, die nicht das gesamte Material untersuchen kann muss eine zufällige Auswahl vornehmen, sie würde ansonsten einer kritischen Betrachtung nicht standhalten. Das Wort "random" musste also irgendwo in dem Bericht auftauchen. Aber eine Stichprobe aus 3.500 Bildern ist keine zufällige Auswahl, wenn zuvor 50.000 Bild nach unbekannten Kriterien aus der Auswahl entfernt wurden.

Man mag 50.000 Bilder verwerfen und sich auf wenige hundert konzentrieren - aber nicht, ohne zu erklären, nach welchen Kriterien man vorgegangen ist – und das verschweigt der Bericht.

Wo wurden die Bilder aufgenommen

Im Bericht Caesars heißt es, die Leichen der Verhafteten seien aus den Gefängnissen in ein Militärhospital transportiert worden. Dorthin wurde Caesar geschickt, zusammen mit einem Arzt und einem Justizbeamten. Caesar fotografierte die Leichen, die dann weiter transportiert und in ländlichen Gebieten beerdigt wurden. Das Ganze sollte zeigen, dass die Personen im Militärhospital verstorben waren.

Tatsächlich sieht man auf den Bildern, dass sie nicht in einem Militärhospital oder irgendeinem Raum aufgenommen wurden, sondern im Freien. Und der steinige Untergrund sieht keineswegs nach einem Exerzierplatz aus.

Kritische Prüfung

Eine kritische Prüfung der Bilder und Aussagen bietet eine andere Erklärung für die gezeigten Bilder, die in sich konsistenter ist als das Narrativ von Caesar.

Caesar war laut eigener Aussage Angehöriger der Militärpolizei und für Tatortuntersuchungen und –Dokumentation zuständig. Daran hat sich auch nach dem März 2011 nichts geändert.

Geändert hat sich allerdings das Ausmaß von Verbrechen, Entführungen, Erpressungen und Ermordungen. Hunderte oder Tausende von Menschen wurden entführt um Lösegeld zu erpressen oder aus andere Gründen. Wie viele von ihnen wurden umgebracht…

Schon früh hieß es in Graffiti in Syrien: "Christen nach Beirut – Alewiten ins Grab". Ein bekannter Hassprediger forderte auf, die Alewiten, die sich nicht gegen Assad stellen in Stücke zu hauen. Und schon im Sommer 2011 wurde von den Folterkammern dschihadistischer Extremisten in Hama und Homs berichtet.

Wie viele Leichen Entführter, Gefolterter und Ermordeter wurden von den syrischen Behörden aufgefunden, dokumentiert und begraben?

Dass die syrische Armee die Opfer dschihadistischer Kämpfer dokumentieren und fotografieren lässt ist wahrscheinlicher, als der Unsinn mit dem fotografischen Nachweis über den Auftragsmord an Gefangenen, den man den Vorgesetzten vorlegen muss; ein Nachweis noch dazu, dessen Erbringung man an dritte outsourced.

Noch Fragen

Für CNN und den Spiegel ist der Bericht der endgültige Nachweis, dass Assad an allem schuld ist und womöglich als Kriegsverbrecher angeklagt werden muss. New York Times und Washington Post scheinen sich zurück halten zu wollen – womöglich ist ihnen Curveball noch in Erinnerung.

Der Bericht ist von vornherein von der Prämisse ausgegangen, dass es "Tausende Verhaftete gab, die von Agenten des syrischen Regimes getötet worden waren". Die Prämisse ist in diesem Zusammenhang auch nicht verwunderlich: Caesar und sein Kontakt sind Mitglieder im Syrian National Movement, die Bilder sind alle im Besitz des Syrian National Movement und das ist eine Gruppe, die von Qatar unterstütz wird. Qatar ist nicht nur Hauptkriegstreiber, sondern auch Hauptsponsor einer Anwaltsfirma in London – der Firma, die die Glaubwürdigkeit von Caesar überprüfen ließ.

Noch Fragen?

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In Syrien gibt es keinen Mangel an Bildern von Gefolterten und Ermordeten. Und je mehr die staatlichen Strukturen zerstört werden, je mehr ausländische Kämpfer ins Land geschickt werden und je schwieriger staatliche Kontrolle über Teile der Geheimdienste ist, umso mehr solche Bilder wird es geben.

Den Aussagen einer der Kriegsparteien durch eine Untersuchung im Auftrag der selben Kriegspartei Glaubwürdigkeit verleihen zu wollen, dient nur der Verlängerung des Krieges.

Gegen die Gewalt in Syrien hilft nur ein Ende der Unterstützung für die dschihadistischen Kämpfer, eine Aufhebung der Sanktionen und die Lieferung von Hilfsgütern und – die Stärkung staatlicher Strukturen und die Wiederherstellung der Infrastruktur.



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